Konzertschau

Fest van Cleef 2009 [Festival]
11. Juli 2009

Das Hamburger Kultlabel Grand Hotel van Cleef ist auch in diesem Jahr wieder auf Konzertreise gegangen und hat neben Northeim und Freiburg auch im Essener Delta Musikpark gastiert und ein vielversprechendes Line-Up aus Hamburg und „näherer“ Umgebung mitgebracht.

1.400 Karten sind im Vorverkauf unters Volk gebracht worden, und der einzige Grund, warum der Delta Musikpark am 12. Juli durch einen Riesenansturm auf die Tageskasse nicht aus allen Nähten platzte, war das unbeständige Wetter, das im weiteren Verlauf des Tages noch für den einen oder anderen heiteren Moment sorgen sollte. Label-Mitgründer Thees Uhlmann von Tomte ließ es sich nicht nehmen, alle Acts persönlich mit selbstgeschriebenen Gedichten auf der Bühne anzukündigen – wobei die Qualität seiner Reime hier und da noch ausbaufähig gewesen wäre, aber durchaus zur Belustigung des Publikums beitrug. Und darauf kommt es in Wahrheit ja an.

Gisbert Wilhelm Enno Freiherr zu Innhausen und Knyphausen – kurz: Gisbert zu Knyphausen – hatte die Ehre, das Fest van Cleef zu eröffnen und sorgte mit seiner Singer/Songwriter-Attitüde, traumhaft ruhigen bis leicht rockigen Liedern und melancholischen Texten mit Carpe-Diem-Mentalität für das erste Highlight des Festivals. Die Bühne wurde nach dieser Performance zu einem Wohnzimmer umgebaut: Teppiche und Lampen, die schon zu Omas Zeiten nicht mehr brandaktuell waren, wurden aufgestellt. Im Gegensatz dazu waren Muff Potter, die die Wohnzimmereinrichtung inzwischen zu ihrem Markenzeichen gemacht haben, aber aktueller und frischer denn je – und das stellten sie auch, als ob sie es hätten beweisen müssen, eindrucksvoll zur Schau. Die Setliste ließ nichts zu wünschen übrig, und von Klassikern wie „Alles nur geklaut“ bis hin zur aktuellen Singleauskopplung „Niemand will den Hund begraben“ war alles dabei.

Pünktlich zum nächsten Highlight auf der Van-Cleef-Bühne war der Außenbereich des Delta nun endlich auch angemessen gefüllt. Bei feinstem Kaiserwetter, das auch Wilhelm II. zumindest kurzfristig glücklich gemacht hätte, rockten die Kilians, nachdem sie wiederum von Thees Uhlmann lyrisch angekündigt wurden, die Bühne. Überzeugend und offensichtlich besser gelaunt als auf der Warm-Up-Party (Simon den Hartog und Thees Uhlmann spielten am 12. Juni als Auftakt des Fest van Cleefs ein Akustik-Set – ebenfalls im Delta Musikpark in Essen) präsentierten sie ihr 40-minütiges Programm und riefen die Fans mit Songs unter anderem von ihrem vor kurzem erschienenen Album „They Are Calling Your Name“ mehrmals zum Tanz auf. Unerwähnt soll natürlich auch nicht bleiben, dass Thees Uhlmann, dessen besondere Unterstützung die Kilians gerade genießen, den vorletzten Song des Sets „Used To Pretend“ zusammen mit Simon den Hartog sang.

„Their music is really nice (…) and one of my Top-Five-Bands (…) besser als die Kilians, Kettcar und Beethoven (…) aus der gleichen Stadt wie Cypress Hill (…) from Oakland, California - Why? “ - Thees Uhlmann (gekürzte Version)

Dies war die Vorstellung und Begrüßung für Why?, eine Indie-Folk-New-Wave-Band aus den Vereinigten Staaten, die in Deutschland erstmals vergangenes Jahr mit ihrem Album „Alopecia“ für Aufsehen sorgte, aber leider immer noch nicht über die Maßen hinaus bekannt ist. Abstrakte Songtexte gepaart mit wildem experimentellen Indie-Sound sind das Markenzeichen der Gruppe um Frontmann Jonathan "Yoni" Wolf, die nicht lange brauchte, um das Publikum zu überzeugen und um zu rechtfertigen, warum sie vom Label van Cleef zu dieser Konzertreise eingeladen wurden. Auch der plötzlich einsetzende Regenschauer konnte die meisten Fans nicht dazu bringen, in die umstehenden Discohallen des Musikparks zu flüchten.

„Das sieht von hier oben so cool aus, wie ihr alle gerade die Regenschirme aufspannt und eure Jacken anzieht (…) Danke fürs Bleiben!“ - Jonathan Wolf

Die Zeit für die Headliner war gekommen, und da er selbst in der Band spielt, musste er auch kein Gedicht schreiben: Thees Uhlmann von und mit Tomte kam gegen halb acht die Bühne, zog vom ersten Lied an („Die Schönheit der Chance“) das versammelte Volk in seinen Bann. „Wie sieht’s aus in Hamburg“, „Schreit den Namen meiner Mutter“, “Der letzte große Wal“ und „New York“ (ein Song, dem Uhlmann heilende Wirkung bei Depression und Frust nachsagt) waren nur einige der Tomte-Hits, die in einer unglaublich schönen Atmosphäre – blauer Himmel hatte inzwischen den Regen abgelöst, so dass die Abendsonne voll zur Geltung kam – an diesem Sonntag zum Besten gegeben wurden. Unterbrochen wurde die Stimmung nur kurzfristig durch einen Bienenangriff, der aber nach kurzer, scherzhafter Rücksprache mit einem Rettungssanitäter, ob dieser denn im Notfall auch einen Luftröhrenschnitt machen könne, das Konzert nicht sonderlich lange aufhielt.

„Das Beste kommt zum Schluss“ – diese Weisheit passt beim Fest van Cleef nicht ganz. Aber einer der Gründe, warum die Zuschauer deutlich höheren Altersdurchschnitts am 12. Juli in den Delta Musikpark gekommen waren, war sicherlich Element of Crime, die mit ihrem berühmt-berüchtigten melancholisch-chansonesken Pop- und Rocksound (diese Definition entstammt der großen Wissensquelle Wikipedia und passt ausnahmsweise auch mal) den krönenden und würdigen Abschluss bildeten. Abendsonne und Publikumsstimmung rundeten das letzte Konzert an diesem Abend und das Fest van Cleef 2009 stimmig ab.

Fazit: tolle Live-Acts, Top-Organisation vor und hinter der Bühne (die längste Zeit, die der Autor für ein Bier angestanden hat, waren 20 Sekunden; lediglich bei der Beschaffung von Pizza, Döner oder Bratwurst musste man eine halbe Stunde einplanen) und das Wetter, auch wenn es wechselhaft war, haben das Festival zu einem besonderen Event gemacht.
(Ben Grosse-Siestrup, CampusFM)

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