Konzertschau

Dream Theater – Liederhalle Beethovensaal, Stuttgart
20. Oktober 2005

Meister des Prog-Rock sorgen für müde Beine

Es ist 23.20 Uhr als im Beethovensaal in Stuttgart das Licht angeht. Lautes Gemurmel ist zu vernehmen. Man versucht noch, die Lautstärke der Stimme an das verminderte Hörvermögen anzupassen. Wer sich schon verständigen kann, beginnt erste Resümees zu ziehen. Auch sieht man hier und da den Versuch, mittels schwerfälliger Dehnübungen die Müdigkeit aus den Beinen zu schütteln.

Etwa drei Stunden zuvor hatten „Dream Theater“ die Bühne betreten. Das donnernde Intro des ersten Songs auf ihrem neuen Album „Octavarium“ begleitet die fünf New Yorker im Dunkeln zu ihren Instrumenten. Die Spots blitzen auf. „The Root Of All Evil“ schmettert dem begeisterten Publikum entgegen. Doch spätestens als Sänger James LaBrie die ersten Takte von sich gibt, kommen einem erste Zweifel. Der auf gute Akustik ausgelegte Beethovensaal in Kombination mit der technisch wohl perfektesten Prog-Rock-Combo der Welt ließen Sound vom Allerfeinsten vermuten. Doch es kommt anders. LaBries Gesang ist übersteuert, scheppert in den verschiedensten Nuancen aus den Lautsprechern. Teilweise geht er aber auch völlig unter, so dass man meinen könnte, einen Instrumental-Teil zu hören, würde man ihn nicht singen sehen.

Nun ist James LaBrie bekanntermaßen das umstrittene Mitglied der Band. Oft als einzige Schwachstelle bezeichnet, überzeugt seine Stimme tatsächlich nur selten. Häufig wirkt sein Gesang wie ein Fremdkörper im harmonischen Ganzen, ja fast schon wie ein notwendiges Übel. Als ausgebildeter Opernsänger sollen hier nicht seine Fähigkeiten als solche in Frage gestellt werden, einzig seine Eignung als Frontman einer Band wie Dream Theater ist zu hinterfragen. So wirkt auch seine Interaktion mit dem Publikum meist aufgesetzt und erzwungen und auch an diesem Abend schafft er es nicht, dem Konzert seinen Stempel aufzudrücken.

Doch es ist nicht nur die Stimme von James LaBrie – auch die Instrumente der restlichen Bandmitglieder scheinen nicht perfekt ausbalanciert, hinterlassen einen leicht „breiig“ wirkenden Gesamteindruck. Dennoch. Während die Band ihre Zuschauer auf eine chronologische Zeitreise durch die eigene Discografie mit nimmt, bestätigt sich die exponierte Stellung, die Dream Theater in der Szene genießen. Ohne dabei besonders zu glänzen präsentieren sie mit Stücken aus „When Dream And Day Unite“, „Images And Words“, „Awake“, „Falling Into Infinity“ und dem Konzeptalbum „Scenes From A Memory“ ihren sauberen, druckvollen, oft verspielten, aber bis ins Detail ausgefeilten Sound. Auch ein Song aus der Zeit, in der die Band noch „Majesty“ hieß, sowie Titel aus den 2002 bzw. 2003 erschienen Alben „Six Degrees Of Inner Turbulence“ und „Train Of Thought“ sind im Programm.

Untermalt wird die musikalische Darbietung, indem das entsprechende Albumcover sowie dessen Erscheinungsjahr auf eine Leinwand projiziert werden. Doch die visuelle Darbietung kann mit der musikalischen in keiner Weise Schritt halten. Die Szenen auf der Leinwand wirken matt und wenig kontrastreich, da die Bühnenbeleuchtung für zu viel Umgebungslicht sorgt. Außer den mit billig wirkenden Effekten hinterlegten Albencovers werden dem Betrachter Flimmereffekte Marke Windows-Bildschirmschoner und zeitlich versetzte Aufnahmen der Bandmitglieder dargeboten. Dies ist besonders ärgerlich, da man die virtuose Saitenakrobatik eines John Petrucci oder eines John Myung hört, deren Übertragung auf der Leinwand jedoch erst ein paar Millisekunden später zu sehen ist. Ton und Bild sind also nicht synchron. Einzig die Lichtkomposition wirkt stimmig, wenngleich auch nichts Außergewöhnliches geboten wird.

Doch das muss es auch nicht. Man begegnet auf diesem Konzert genug Außergewöhnlichem. Da wäre zum Beispiel Keyboarder Jordan Rudess. Inmitten seines futuristisch anmutenden Equipments wirkt er wie ein verrückter Professor, der in seine Experimente vertieft ist. Sein Keyboard ist auf einem drehbaren Stativ befestigt – so dreht sich Rudess ständig um die eigene Achse, einmal ins Publikum blickend, das andere Mal diesem den Rücken kehrend. Mit einem Solo, welches den Titel „Octavarium“ einleitet, unterstreicht er seine musikalische Klasse. Gespielt auf einem sogenannten Continuum, einer Art „Touch-Pad-Klavier“, lassen sich bei diesem Stück gewisse Verwandtschaften zu den teilweise psychodelischen Ansätzen berühmter Gruppen wie „Pink Floyd“ oder „Deep Purple“ nicht verleugnen.

Das Prädikat außergewöhnlich trifft auch auf Mike Portnoy zu. Der Schlagzeuger, der nach John Petrucci als wichtigste Person im Quintett bezeichnet wird, und als Spaßvogel gilt, betritt die Bühne im Dress des VfB Stuttgart. Fast könnte man meinen, er sei mit seinem technisch einwandfreien, energiegeladenen Schlagzeugspiel unterfordert – so ertappt man ihn während eines Songs beim Stick-Weitwurf und anderen Albereien. Auffällig ist auch sein regelmäßiges Spucken, welches dem mit Zottelmähne, Bart und John Lennon-Sonnenbrille fast wie ein „Alt-Hippie“ wirkenden Schlagzeuger auch den bandinternen Spitznamen „Lama“ einbrachte.

Nach ca. eineinhalbstündigem Powerprogramm und Stücken wie dem legendären „Pull Me Under“ oder dem orientalisch anmutenden „Home“ sind „Dream Theater“ bei einer Pause angelangt – „15 Minutes Intermission“ ist auf der Leinwand zu lesen. Ein heutzutage eher selten gewordenes Phänomen, das jedoch angesichts des anspruchsvollen, manchmal schwer verdaulichen Sounds und der Setlist, die im gesamten Konzert nur einer Ballade Platz lässt , durchaus sinnvoll erscheint.

Weiter geht es mit “The glass prison” aus dem “Six Degrees Of Inner Turbulence”-Album und ”This Dying Soul” aus „Train Of Thought“ bevor mit “Never Enough” aus dem aktuellen “Octavarium”-Album der Bogen zum Beginn des Konzertes gespannt wird. Soundtechnisch scheint man inzwischen etwas besser aufgestellt zu sein, als habe man die 15-minütige Pause zur Feinjustierung verwendet. Abgeschlossen wird der zweite Teil des Konzertes mit dem Titelsong des neuesten Albums – „Octavarium“. Ein Song epischer Länge, genial strukturiert und durchkomponiert, während dem sich die Band erstmals in einen Rausch zu spielen scheint. Besonders John Petrucci und John Myung zeigen hier ihre Klasse.

Myung, der stets teilnahmslos wirkt, versteckt sich hinter seinen langen schwarzen Haaren, als wolle er sich von der Außenwelt abschotten. Die von ihm ausgehende Ruhe scheint der Gegenpol zu Portnoys Extravaganz zu sein. Den Kopf gesenkt, hat er den im Verhältnis zu seiner kleinen Statur viel zu großen 6-Saiten-Bass stets im Auge. Er spielt dabei eine technisch perfekte, schnörkellose Basslinie. Kurze Soli unterstreichen seine Klasse. Teilweise wirkt es fast, als streichle er die Bassgitarre, wenn er virtuos an den Saiten zupft.

Inzwischen ist auch der letzte Besucher des nicht ganz ausverkauften Beethovensaals erwacht. Das Publikum setzt sich an diesem Abend hauptsächlich aus Männern mittleren Alters zusammen, aber auch ältere Ehepaare sind ausfindig zu machen. Meist lauscht die Menge eher teilnahmslos, mitgemacht wird vor allem wenn LaBrie oder Portnoy dazu auffordern. Doch nun skandieren die ca. 2500 Zuschauer lautstark Zugabe – und die Protagonisten lassen sich nicht lange bitten. „As I Am” aus “Train Of Thought” und “Learning To Live” aus “Images And Words” – zwei weitere Titel epischen Ausmaßes, bilden die Zugabe. Letzteres genial interpretiert, ein absoluter Höhepunkt. Man möchte nahezu mit den Tönen davonfliegen, die aus John Petruccis Gittare kommen.

Petrucci, der Kopf der Band, dessen Spiel über jeden Zweifel erhaben ist, zeigt nicht nur in diesem letzten Lied, warum er mehrfach ausgezeichnet ist und als einer der besten Gitarristen der Welt gilt. Mit ihm steht und fällt das Spiel von Dream Theater. Seine verschiedenen Soli sind zwar äußerst verspielt, jedoch präzise und niemals langweilig. Er steht dabei immer etwas abseits der Band, bewegt sich kaum - auffallend ist seine außergewöhnlich hohe Gitarrenhaltung. Die moderne Kurzhaarfrisur lässt ihn nicht gerade wie eine Gitarrenikone aussehen – doch er ist längst in einem Atemzug mit Steve Vai oder Joe Satriani zu nennen.

Ob des mitreißenden Schlussaktes möchte man als Zuschauer natürlich in nichts nachstehen – doch leider ist man zu diesem Zeitpunkt schon eingeschränkt, was Beweglichkeit und Aufnahmefähigkeit anbelangt. Schließlich ist Dream Theater keine leichte Kost und über drei Stunden Spielzeit fordern ihren Tribut. Hier hätte es gut getan, die langen Songs für den Live Auftritt zu kürzen und das ein oder andere Stück im Mittelteil des Konzertes aus der Setlist zu nehmen.

Trotz Kritikpunkten wie Sound, Setlist oder Show – das Resümee fällt positiv aus, hat man doch in den vergangenen Stunden das Beste und Anspruchvollste gesehen, was dieses Genre zu bieten hat. So verlässt man, nachdem sich die fünf Workaholics noch einmal artig vor dem begeisterten Publikum verbeugen, zufrieden den Saal. Vorausgesetzt die müden Beine machen dies schon mit.

(Jöran Beck – HoRadS)

Archiv aller Konzertberichte

radiobar