Konzertschau

Dour 2008 [Festival]
16. Juli 2008

Vom 17. bis 20. Juli 2008 fand nahe der belgischen Kleinstadt Dour das gleichnamige Festival statt. Über 120 Bands spielten vor tausenden Besuchern, unter ihnen auch vier junge Deutsche. eldoradio*-Reporter Christian Spöcker hat sie begleitet.

Warum nehmen Frederik, Patrick, Jakob und Tobias eine achtstündige Autofahrt auf sich, um dann vier Tage in Belgien inmitten von Kuhweiden und Industrieanlagen zu verbringen? Der Grund dafür ist das Dour-Festival, das als selbsternanntes „european alternative music event“ dieses Jahr sein 20-jähriges Jubiläum gefeiert hat.
Für Jakob ist diese Bezeichnung allerdings eine Frechheit: „Die nennen sich ´european`, aber nicht mal an der Kasse sprechen sie englisch!“ Nicht nur die Sprache unterscheidet Tobias, Patrick, Frederik und Jakob von vielen der 21 000 anderen Camper. Während sie eher dem Alkoholgenuss frönen, sieht man überall Besucher, die sich mal eben einen Joint bauen. „Zu uns sind jeden Tag mindestens drei Mal Leute gekommen und haben uns gefragt, ob wir Ecstasy oder LSD haben“, weiß Jakob zu berichten.

Musikalisch bietet das Dour-Festival auf sechs Bühnen ein abwechslungsreiches Programm. Rund 36 000 Besucher sind nach Angaben des Veranstalters täglich auf dem Gelände. Nicht nur Freunde der Gitarrenmusik aller möglichen Härtegrade kommen auf ihre Kosten, auch Elektro, Reggae, Hip Hop, Folk und sogar Country-Musik sind während der vier Festivaltage zu hören.

Am Donnerstagabend ist das Festivalgelände noch etwas leer. Auf der Hauptbühne spielen Goldfrapp in weißen Gewändern eher ruhigen Elektro-Pop, ein großes Hirschgeweih ziert ihr Bühnenbild. Im großen Zelt daneben bringen englische Drum`n Bass-DJs wie „High Contrast“, „Pendulum“ und „Shy FX“ die Tieftöner auf Hochtouren und das Publikum zum Tanzen.

Für HipHop-Fans ist der Freitagabend ein Pflichttermin, denn mit „Ice Cube“ und dem „Wu-Tang Clan“ treten zwei Rap-Schwergewichte auf. Der „Wu-Tang Clan“, in der Vergangenheit eher für Absagen in letzter Minute berüchtigt, liefert in einer Stunde Konzert viele Klassiker aus seiner 14-jährigen Bandgeschichte. Das Publikum weiß es zu schätzen: Trotz Regenwetter herrscht vor der Bühne ein starkes Gedränge und eine ausgelassene Stimmung. Während RZA etwas abseits das Publikum in Ruhe mustert, ergänzen sich seine Bandkollegen bei ihren abwechselnden Rap-Passagen. Method Man scheint es derart zu gefallen, dass er sogar ein Bad in der Menge nimmt.

Am Samstag verlassen Frederik, Tobias, Jakob und Patrick begeistert das Gelände vor der „Red Frequency Stage“: „Man, Lagwagon waren so geil! Wie der kleine Sänger abging!“ schwärmt Patrick. Während des Konzerts hat sich bei ihm allerdings durch das Pogo-Tanzen der Alkoholkonsum der vergangenen Festivaltage bemerkbar gemacht: „Bei den Kopfschmerzen fühlt sich jeder Stoß wie ein Stich in den Kopf an!“ Jakob hat ähnliche Erfahrungen gemacht: Er hat einen Fußtritt ins Gesicht abbekommen. Doch der „Lagwagon“-Auftritt macht für ihn alles wieder wett: „Die Band war wie immer der Hammer, die wissen einfach, was die Fans hören wollen!“

Zur gleichen Zeit spielen nebenan „The Incredible Punish Yourself Picture Show“ Rock mit starken Electro- und Technoelementen. Eine große Videoleinwand mit Schnipseln aus alten Schwarz-Weiß-Filmen unterstützt die schnelle Musik und ersetzt das Band-Banner. Die Hauptbühne dagegen, „The last arena“ genannt, steht an diesem Samstag im Zeichen des Reggae. Die Frage „Do you smoke ganja?” des „Jah Cure“-Sängers an das Publikum ist daher durch einen Blick vor die Bühne sehr leicht zu beantworten.

Das Festivalgelände liegt auf dem belgischen Land. Hohe Bauzäune trennen die Festivalwege von vereinzelten Industriebetrieben, Weizenäckern und Kuhweiden. Langanhaltender Regen hat die Fußwege aufgeweicht, an manchen Stellen wird der Gang zum Campingplatz zur Rutschpartie. Umrahmt wird das rege Treiben von hohen, teils bewaldeten Hügeln. Mancherorts gehen sie in Dünen aus tiefschwarzem Gestein über, auf denen an diesen Tagen einige Spaziergänger und Motocrossfahrer unterwegs sind.

Stephanie hat sich vom Dour-Festival mehr erhofft. Zum ersten Mal ist sie auf einem Festival, „und es wird wohl auch das letzte sein“, sagt die 17-jährige Deutsch-Belgierin. Obwohl ihr die Atmosphäre auf dem Campingplatz gefällt („Die Leute hier sind aufgeschlossener als in Deutschland“), gefallen ihr nur wenige der auftretenden Bands. Die „Hollywood Pornstars“ am Sonnntagabend will sie unbedingt sehen, doch an den meisten Festivaltagen hilft sie aus Langeweile einer Gruppe von Verkäufern, die „contre le racisme“-Sticker zu verkaufen. Im Gegenzug erhält sie dafür ein paar Essens- und Trinkmarken. Diese stellen hier die Währung dar, ohne sie gibt es weder eine Dusche noch eine Mahlzeit. Neben großen Pommes-Portionen und belegten Baguettes gibt es auch eine belgische Spezialität: „cervelas“, ein frittiertes Würstchen, in dessen Längsschnitt Ketchup und Mayo gefüllt werden.

Der Sonntagnachmittag ist eine undankbare Zeit für einen Auftritt, denn viele Besucher bringen bereits ihre Campingausrüstung zurück ins Auto. Der Sänger von “The (International) Noise Conspiracy” nimmt es gelassen, dass die meisten Zuhörer auf der Wiese liegen, anstatt vor der Bühne mitzurocken: „Yeah, we know the festival`s since three days, it`s been raining and you were sleeping in the mudd, but now we play!” Die violett gekleideten Musiker aus Schweden präsentieren unter anderem einen ihrer neuen Songs namens „Hiroshima mon amour“.

An diesem Tag wird noch einmal das vielfältige Programm des Dour-Festivals deutlich: Im Zelt, das übersetzt „das kleine Haus in der Prärie“ heißt, steht eine Band namens „Subtle“ auf der Bühne. Midi-Controller, die sich von Hand wie Bongos spielen lassen, ersetzen bei ihrem Mix aus Elektro und Rap das Schlagzeug. Der Sänger erinnert optisch an Rick James und verkündet nasal: „Ladies and gentlemen, if we have a black president, everything will be the same.”
Und während auf der Eastpak CORE Stage der französische Rapper „Casey“ von der harten Realität in den Vororten erzählt, gibt die Countryband „The Moonshine Cowboys“ Klassiker der Rockgeschichte zum Besten. Die vier Latzhosenträger an Kontrabass, Gitarre, Akkordeon und Triangel bieten Neuinterpretationen von „Nirvana“ („Come as you are“), „Pink Floyd“ („Another brick in the wall“) und „Jimi Hendrix“ („Voodoo Child“) dar.

Jakob findet das Dour-Festival musikalisch etwas zu unausgewogen, denn für ein Alternative-Festival würden hier zu viele Hardcore- und Electrobands auftreten und zuwenig Rock- und Punkbands. Insgesamt hat der Ausflug nach Belgien ihm und seinen Freunden Frederik, Patrick und Tobias im Großen und Ganzen aber gut gefallen. Und so fällt auch Frederiks Fazit trotz starkem Wind, Regen und Sprachbarrieren positiv aus: „Ja, es war sehr cool mit den Holländern und Franzosen!“

Archiv aller Konzertberichte

radiobar