Konzertschau

Cartridge | Fotos | Eagles Of Death Metal - Live Station, Do
7. Juni 2008

Jeder Deutsche geht monatlich durchschnittlich drei mal auf Feiern – neudeutsch: Partys. Der allgemeine Partybesucher legt dort besonderen Wert auf die Musik, die Getränke und die Gäste. Wenn ich nach diesen Kriterien die Vision-Party in der Dortmunder Live Station bewerten sollte, wäre das Urteil: gut, zu teuer, (zu) anspruchsvoll. Aber klamüsern wir das ganze von vorne auf.

Die Musik wurde von dreierlei Musikgruppen (neudeutsch: Bands) gestellt – Cartridge aus Dänemark, Fotos aus Deutschland und Eagles of Death Metal aus den Vereinigten Staaten. Drei Konzerte, eine Party. So sollte es sein. Was es wurde: ein Konzert mit zwei Vorgruppen (neudeutsch: Supporter). Und Vorgruppen sind ja meistens die, die zeigen sollen, wie gut die Hauptgruppe ist.

Den Anfang machten die populären Musik-Musikanten (neudeutsch: Popband) von Cartridge. Viel war noch nicht los. Aber auch das bisschen Publikum (circa 30 Leute) wurde einfach nicht mitgerissen. Seichtes Popmusikgedudel mit gewollt nettem Einsatz des Sprachgenerators (neudeutsch: Synthie) reichten für das anspruchsvolle Publikum einfach nicht aus. Mit überraschenden Soli und aggressiver Spielart hielt der Schlagzeuger die einzigen Highlights bei den sonst langweiligen Geräuschen (neudeutsch: Sound) bereit. Es passt. Oder besser: Es passt einfach nicht. Zu dem unterdurchschnittlichen Liedgut bekamen die Zuschauer auch entsprechendes auf der Bühne zu sehen: einen gelangweilten Bassisten (permanent dieselbe Haltung mit kontinuierlichem Hin- und Hergewippe), einen übernervösen Frontsänger (wechselte ständig die Mikros und riss schon mal das Kabel aus dem Anschluss) und einen übermotivierten Gitarristen (machte keinen Hehl aus seiner nicht vorhandenen Tanzkunst, die er auch gerne bei den etwas ruhigeren Liedern präsentierte).

Ich freute mich auf den nächsten Akt (neudeutsch: Act). Die Hamburger Band Fotos hatte ich schon öfter gesehen. Ich wollte wissen, ob das neue Album vor Ort (neudeutsch: live) neue Facetten bereithält. Nach dem schlechten Auftritt von Cartridge konnte es ja eigentlich nur besser werden... wurde es aber nicht. Fotos hatten sich genau diese Visions-Party ausgesucht, um eines ihrer schlechtesten Konzerte zu geben. Fotos leben durch ihr Publikum. Tom Hessler, der Sänger der Band und als Antreiber auf Konzerten bekannt, machte sich direkt am Anfang unbeliebt, als er das von Bands sonst so geschätzte Dortmunder Publikum mit sturen Bielefelder Ostwestfalen verglich. Mittlerweile war die Live Station gut gefüllt – leider mit Leuten, die nicht bereit waren, auch bei anderen Bands mitzuwippen als bei der, auf die sie warteten.

Die meisten wollten die Hauptgruppe (neudeutsch: Headliner) Eagles Of Death Metal sehen. Bei Fotos gab es Serenade zum Anfang, Langeweile im Mittelteil, Goldrausch und Giganten zum Schluss und auf die Frage nach einer Zugabe Ablehnung – unterstützt durch Buhrufe. Schlager (neudeutsch: Hits) wurden lieblos dahingespielt, das Technikgefrickel auf dem Album „Nach dem Goldrausch“ ausgelassen. Was blieb, war die pure Enttäuschung über den Auftritt einer sonst sehr passablen Live-Band.

Nicht ganz ausverkauft, aber gut gefüllt war die Live Station pünktlich zur Hauptgruppe (neudeutsch: Mainact). Das erste Mal am heutigen Abend musste ich meine Berührungsängste vergessen und auf Kuschelkurs gehen. Was bei Fotos und bei Cartridge fehlte, wurde bei den Eagles nachgeliefert. Wahnsinnig gute Musik, eine tolle Show und ein kochendes Publikum! Mittendrin: ein vom Publikum geputschter Liedsänger Jesse, der Whisky-Cola trinkend die Show seines Lebens ablieferte. Immer wieder war von „the show of our life“ die Rede. Und das war sie! Endlich war das Publikum in totaler Ekstase und zeigte, warum das Dortmunder Publikum bei Bands so beliebt ist. Ohne Rücksicht auf Verluste wurde gepogt, getrunken und mitgegrölt, als gebe es kein Morgen. Die Eagels dankten es mit Songs wie „I Want You So Hard“ und „I Only Want You“. Nach einer guten Stunde Spielzeit fing sich ein Veranstalter sogar den Stinkefinger ein – er hatte das Zeichen zum Aufhören gegeben. Es wurde weiter gespielt. Eine komplette halbe Stunde. Immer wieder wurden die immer aggressiveren Gesten des Veranstalters ins Lächerliche gezogen. Großes Kino! Sänger Jesse lief in diesen Situationen immer wie ein angeschossener Kampfhahn auf der Bühne hin und her. Nach der halben Stunde Zugabe ging das Licht aber endgültig auf der Bühne aus und das Licht in der Halle an.

Ich gebe es zu, ich war skeptisch. Richtiger Rock mit Pop zusammen an einem Abend? Funktioniert das? Meine Skepsis war berechtigt. Das rockerlastige Publikum ließ nichts Gutes an Fotos und Cartridge. Das war nicht gut für die allgemeine Stimmung. Trotzdem hätten die beiden Bands mehr bringen können als ihre schwachen Auftritte. Sensationell waren Eagles Of Death Metal. Die entschädigten für den sonst sehr schwachen Abend. (Tim Scheidereit, eldoradio*)

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