Konzertschau

Area 4 2005 (Festival)
25. Juni 2005

Fotos vom Area4 gibt es auf www.distanzpiercer.de

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Der Vorsatz war ein ehrenhafter: endlich wieder Festivalkultur im Ruhrgebiet! Nach dem dramatischen Scheitern des Visions Westend 2003 traut sich nun eine renommierte Konzertagentur eine dicke Bühne auf das Brachland "Ruhrarea" zu stellen. Endlich!

Kurz nach Oberhausen abgebogen, liegt zwischen CentrO und Gasometer das Gelände für schätzungsweise 12.000 Festivalhungrige. Ein annehmbarer Wert für die Premiere und trotz der schmerzlichen Vorab-Absagen von den White Stripes und Mars Volta. Trotzdem wurden auf der Mainstage und einer Zeltbühne 15 Bands rockigen Kalibers erwartet. Und gefeiert.

Doch zuerst musste man einige organisatorische und wetterbedingte Schwächen überstehen. Wer sein Ticket nach der Preissenkung erstanden hat, der wartete an den nur zwei (!) Eingangsschleusen. Wer noch Geld zurückerstattet bekam, auf der Gästeliste stand oder zur journalistischen Zunft gehört, durfte sich auf quengelnde 60 Minuten vor einem einzigen "Schalter" ein- und hinten anstellen. Währendessen gähnten die Tagesticket-Häuschen vor Leere."Nun gut", dachte man sich. Und ärgerte sich mehr über die Wolkengüsse, denn von der Mainstage schallten schon die ersten Sounds von Madsens "Die Perfektion" über den Platz. Ein hehrer Anspruch, den dann das eigentliche Gelände nicht hielt. Auf einem unebenen, unbegrünten Schotterparkplatz standen willkürlich und etwas provisorisch zusammengestellt die obligatorischen Imbiss- und Merchandise-Buden. Lieblos, irgendwie, obwohl der "weiche" Wohlfühlfaktor bei Festivals immer wichtiger wird. Zumal die Tatsache von massenhaft fehlenden Mülleimern das triste Gelände nicht gerade schöner gestaltete...

Aber erst einmal sammeln und entnässen im Zelt. Die Mars Volta-Nachrücker Goldenhorse aus Neuseeland wirkten zu früher Stunde mit ihrer angefolkten Rockmixtur und den minder interessierten Gästen eher überfordert. Also aufgrund der vorschnell als "nett" und langweilig abgestempelten Band fix ab aufs offene Gelände und Page Hamilton beim perfekten ausfräsen seiner Riffs beobachtet. Dabei überzeugten durchweg auch die neuen Songs (allen voran die Single "See You Dead") mit kraftstrotzender Energie, die sich auch schnell auf das angerockte Publikum übertrug. Ob der in veritablem Deutsch vorgetragene Satz "Viel Spaß noch hier in Deutschland" genau so süffisant gemeint war, wie er angekommen ist?

Der eng gestrickte Zeitplan, der für wenig Verschnaufpausen und klangliche Überschneidungen zwischen den Bühnen sorgte, nötigte die Festivalbesucher daraufhin wieder ins blaue Zelt: die Boss Martians aus Seattle, Washington stehen auf der Bühne, wie der muskelbepackte Frontmann Evan Foster nicht müde wurde, darauf hinzuweisen. Mit ihrer knackigen Mischung aus Surfgitarren und Retro-Garagenrock lieferten sie eine dynamische Show. Vielmehr sorgte die schweißnasse Performance und das amüsante Aussehen der Jungs mit Gorilla-Face und Pornobrille für gute Stimmung. Augen auf! - im wahrsten Sinne des Wortes.

Für das erste Highlight des Tages sorgten darauf hin Aereogramme. Elegisch, wütend, melodisch. Eine dringliche Mischung aus An- und Entspannung. Zerzaust und bärtig, wie ihr Gitarrist. Wer zwei Alben und eine EP solchen Karatgehaltes besitzt, der tut sich leicht live schwerer - nicht so die vier Schotten. Mit Präzision und Spielfreude überzeugten sie abermals restlos. So und nicht anders soll es sein. Eine Achterbahnfahrt mit Soundloopings, verschnörkelt, präzise und gut.

Trockenen Fußes dann wieder ein paar Meter ins Freie. Wie wird sich Lemmy samt Crew auch noch nach 25 Jahren Sex, Drugs und Rock´n´Roll schlagen? Klein, abgewrackt und ziemlich müde steht der Altgediente auf der riesigen Bühne. Und scheint sich trotzdem nicht unwohl zu fühlen. Geschwindigkeit ging schon immer über Talent, die Stimme, herrje, ein rauchiges Monster. Es wäre auch schlimm, wenn nicht. Und die Nietenuniform findet seit eh und j den ein oder anderen Nachahmer im Publikum. Ein solider, etwas kraftloser, obzön-verruchter Auftritt Motörheads, ohne wirklich einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

Keine Frage danach auf der Hauptbühne. Jedes Konzert der Beatsteaks ist inzwischen ein riesiges Heimspiel. Ausgelassen, scherzend, wie immer mit jeder Menge unnötiger Ansagen und Aufforderungen spielten die Berliner ein "Best Of", samt obligatorischen Coverversionen von den Misfits und Danksagungen an Joe Strummer. Hätte man diese Band nicht in den letzten Jahren ungefähr auf jedem 2. Festival, auf jedem 7. Konzert irgendwo gesehen, hätte man vielleicht genau so viel Spaß gehabt, wie die Fans aus Reihe 1. Und im Kopf gestoppte 3,7 Sekunden lang war Arnims Ritt. Das war schon mal besser ;) Ansonsten war die Stimmung exzellent, ebenso wie die Band.

Auch wenn die Beatsteaks mit ihrem letztjährigen Album "Smack Smash" endgültig den kommerziellen Durchbruch geschafft haben: 30 Millionen verkaufte Tonträger sind wohl utopisch. Nicht aber für Creed, die mit ihrem glaubensbehafteten Jesus-Geschwelge die Rock-Besinnung mehr und mehr aus dem Plektrum verloren und sich nach Multiplatin 2004 trennten. Drei Mitglieder bilden nun das Rückgrad von Alter Bridge. Dem Chronisten erschauderte aber immer noch das Pathos und die amerikanische Attitüde der Band, woraufhin er lieber noch eine Runde über die Schotterpiste schlenderte.

Dann verdüsterte sich so langsam der Abendhimmel - Endspurt für das Area 4! "I Hurt Myself Today, To See If I Still Feel". Für die Festivalbesucher natürlich keine Aufforderung zur Autoaggression, vielmehr reichte alleine die prägnante und eindringliche Stimme Trent Reznors am Piano, um bei "Hurt" Gänsehaut zu verspüren. Spätestens da war der Funke übergesprungen, auf den die Festivalbesucher schon lange gewartet hatten. Die schwarzgekleideten Bandmitglieder kaum eines Blickes würdigend, stand Trent besonnen und irgendwie altersweise im Fokus der gierigen Blicke: Nine Inch Nails - oft kann man sie nicht live in Deutschland erleben. Mit den Hits wie "Head Like A Hole" und "Sin", aber auch den neuen Singles wie "The Hand That Feeds" und "Only" gewinnt er auf nicht mehr ganz so wütende Weise die Gunst des Publikums. Infernalische Strudel gehören der Vergangenheit an, wobei die Verknüpfung von 80er Jahre Synthies und morbidem Gesang bei den Amerikanern noch heute ganz prächtig funktionierte und für verklärtes Lächeln allenthalben sorgte. Groß!

Ähnlich wie die Beatsteaks reiten derzeit auch Kettcar aus Hamburg auf einer Welle der Sympathie und Begeisterung. "Intelligente deutsche Texte", wie es Marcus Wiebusch ausdrückte, sind wohl der Schlüssel zu einer Unmenge an Herzen, von denen sich ca. 350 vor die Zeltbühne gesellten. Die anderen warteten in zitternder Anspannung vor der Hauptbühne auf den Abschlussact System Of A Down. Der Charme und die Ehrlichkeit mit der die Band ihre Songs präsentiert, ist nicht zu leugnen. Motiviert und begeistert erzählt Marcus von seiner Mutter ("Was, du denkst dir die Geschichten nur aus? Dann lügst du die Leute ja an" "Stimmt, Mama") und Anekdoten von den Supportgigs vor Coldplay. Hits wie "Landungsbrücken raus", "Money Left To Burn", "48 Stunden" und "Im Taxi weinen" stehen Schlange. Als dann der Schlussakkord der notdürftig und hastig eingeschobenen Zugabe "Balu" verklingt, zerstört mit purer Brachialität der Anfangsakkord von SOADs "B.Y.O.B." die besinnlich gewordene Stimmung im Zelt. Was für ein Timing!

Gegen System Of Down haben Kettcar keine Chance. Unerbittlich hart kommt das Drumming daher, während Daron Malakian wahre Riffgewitter abfeuert und Serj Tankian mit furioser Geschwindigkeit Worte ins Mikrophon speit. Die Bühne ist inzwischen zu einem Spiegelkabinett umgebildet; wild auch die LED-Lichtspalten. Hat man schon oft von der nur mangelhaften Bühnepräsenz der Band gehört, waren auf dem Area4 Sound (der oftmals nur sehr vage und unscharf war) und Präsenz auf ihrem Höhepunkt angelangt. Als letzten Act hatte das Festival ein wahres Groove-Geröll losgetreten. Zwischen metallischen Mosh-Parts und kandidelten Melodie-Reigen steigerte sich die Band von Song zu Song - auch wenn die textlichen Zeugnisse nicht immer jugendfreier Natur sind: "My Cock Is Bigger Than Your Cock". Ironisch und knüppelhart unterstrichen die Amerikaner ihren Sonderstatus unter den wohl innovativsten und einflussreichsten Rockbands dieser Tage. Die alte Lehre von An- und Entspannung in Perfektion umgesetzt: mitreißend und großartig. Dass alle Hits der 2 1/2 Alben schon vor der Zugabe gespielt waren - geschenkt. Ein fulminanter Abschluss!

Was bleibt, ist die Erkenntnis über gravierende organisatorische Unzulänglichkeiten, über ein unpersönliches Gelände, über ein etwas lieblos zurechtgeschneidertes Line-Up. Man hätte sich ein paar mehr Überraschungen und interessantere Newcomer gewünscht, der den Fokus auf ein eher mainstreamig ausgerichtetes Festival auch gerne auf die Indie-Schiene hätte verschieben können. Von den angetretenen Acts offenbarte keiner größere Schwächen - die persönlichen Aversionen gegen bestimmte Gruppen einmal ausgenommen. Große A-ha-Erlebnisse aufgrund überragender Präsenzen, Shows oder Bühnebilder gab es jedoch auch nicht zu vermelden. Insgesamt machte sich ein zufriedenes Gefühl breit. Area4, der Auftakt war gelungen. Trotzdem gibt es viel zu tun, soll das Festival ab 2006 über drei Tage verteilt im Ruhrgebiet stattfinden. Bei drei Tagen ist dann bestimmt auch "Helga" wieder dabei. Die wurde nämlich auch an diesem Samstag schon schmerzlich vermisst. (Markus Wiludda, eldoradio*)

Fotos vom Area4 gibt es auf www.distanzpiercer.de

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