Konzertschau

Archive - Köln, Kulturkirche
4. Oktober 2007

Kaum eine andere Band dürfte im letzten Jahr soviel von Europa und der Welt gesehen haben wie diese: seit der Veröffentlichung ihres fünften Studioalbums sind die Herren von Archive quasi nonstop on the road. Nun neigt sich die „Lights“- Tour endgültig dem Ende zu: am vergangenen Freitag gaben sie ihr vorläufig letztes Deutschlandkonzert in der Kölner Kulturkirche.

Es sei an dieser Stelle noch mal gesagt: Konzerte in der Kölner Kulturkirche beginnen früh und enden zeitig. Grund dafür ist die Lage der Kirche, mitten im schnuckeligen Ortskern von Köln-Nippes. Dies impliziert nicht nur grauenhafte Parkmöglichkeiten, sondern auch strenge Auflagen bezüglich der Dauer eines Konzerts. Alle Spekulationen vorab über ein rein akustisches Set der Band erübrigen sich beim Betreten der Kirche: ordentlich Platz wurde geschaffen und alle normalerweise vorhandenen Bänke aus dem Weg geräumt. Ein Akustikset gab es dennoch: Den übernahm der Support des Duos Birdpen, welches sich als Nebenprojekt des zweiten Archive–Sängers Dave Penney entpuppte. Der hatte somit volles Programm an diesem Abend und gab schon mal vorab eine Kostprobe seiner absolut eindrucksvollen Stimme.

Im Anschluss daran ertönen die ersten Pianoklänge des Übersongs „Lights“. Unter violetten Nebelschwaden betreten nach und nach alle sieben Musiker die Bühne und bauen einen Sound auf, der an emotionaler Dichte wohl nicht zu überbieten ist. Visualisierte Ornamente werden an die Decke projiziert und tragen ihren eigenen Teil zum Spacetrip a la Archive bei. Die beiden „Masterminds“ Darius Keeler und Danny Griffith bilden nicht nur optisch die beiden Flanken auf der Bühne, sondern auch musikalisch an den Reglern. Und auch wenn es zunächst behutsam anfing: bereits beim dritten („Bridge Scene“) Song wird es derart brachial, dass man sich fast ein bisschen überfordert fühlt angesichts der vier Gitarren und soviel Dramatik. Mein Nachbar zur rechten findet es „einfach nur genial“, und gleiches beweist ein Blick in die Runde: offene Münder und weit aufgerissene Augen allerortens.
Überhaupt, dieser Sound! Über den wird noch heftig diskutiert werden an diesem Abend. Waren die Gitarren nun zu präsent? Was war mit dem Schlagzeug? Zeitweise klingt es fast schon industrialmäßig, was da aus den Boxen kommt, und die Frage bleibt offen, ob dies tatsächlich an der Location selbst gelegen hat. Eins steht jedenfalls fest: an einem solchen Ort erscheint ein derartiger Sound fast schon paradox, aber: das machte die ganze Angelegenheit nicht weniger spannend!

Die Setlist bildet eine ziemlich eigenwillige Mischung aus alten, aktuellen und absolut neuen Stücken, und immer wieder driftet die Band unter Begeisterung des Publikums in ausufernde Klangexperimente ab. „Finding It So Hard“ zum Abschluss ist der beste Beweis dafür, mit welcher grandiosen Liveband man es hier zu tun hat. Danach verabschieden sich sieben ziemlich aufgewühlte Herren von der Bühne und hinterlassen ein nicht weniger aufgewühltes Publikum. Aber eine Zugabe muss es geben, scheiß auf die Uhrzeit, scheiß auf die Nachbarn. Eine Akustikversion von „Again“ und das wunderschöne „Pulse“ (leider ohne die Sängerin Maria Q. – sie fehlte komplett bei dieser Deutschlandtour) gibt es noch, dann ist endgültig Schluss. Und Zeit da, um die Eindrücke zu verarbeiten: „Hast du das Schlagzeug gehört?“… „Krass, der Sound…“ „Ich kauf mir´n T-Shirt!“. (Chrsta Herdering, hochschulradio düsseldorf)

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Anm. d. Red.: Ein eindrucksvolles Zeugnis der zurückliegenden Lights-Tour liefert auch die kürzlich erschienene „Archive – Live At The Zenith“ CD (+ DVD). Ein komplettes Konzert und 40 Minuten Bonusmaterial warten darauf, entdeckt zu werden!

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