Konzertschau

Anderson, Brett - Köln, Prime Club
21. April 2007

Der Prime Club ist an diesem lauen Aprilabend schon direkt nach Einlass sehr gut gefüllt, eine Menschentraube platziert sich sofort ganz vorne an der Bühne. Später wird das Konzert fast ausverkauft sein. Ohne Zweifel, Brett Anderson hat noch viele Fans. Mit seiner Band Suede bildete er Mitte der Neunziger Jahre zusammen mit Blur und Oasis die Speerspitze der Britrock Bewegung. Mit dem selbstbetitelten Debütalbum und dem Nachfolger "Dog Man Star" setzten Suede, die hauptsächlich an Andersons hypnotischem Gesang und Bernard Butlers genialem Songwriting und Gitarrenspiel festzumachen waren, Maßstäbe und ebneten der zweiten Welle an Bands von der Insel wie Travis, Mansun und Embrace den Weg. Suede sind schon längst Geschichte und nach einer Liaison mit Butler unter dem Namen The Tears, ist Brett Anderson jetzt mit seinem ersten richtigen Soloalbum live unterwegs.

Er macht einen guten Eindruck, als er die Bühne betritt. Frisch frisiert, ausgeschlafen und gut gekleidet greift er von einer vierköpfigen Band begleitet zum Mikrofon und gibt mit "Love Is Dead" den Opener seines neuen Albums zum Besten. Dass dieser nach wenigen Sekunden wegen Soundproblemen wieder abgebrochen werden muss, bleibt das einzige Missgeschick des Abends. Der zweite Versuch gelingt glänzend, der schon vorher gut aufgelegte Brett wird nun noch einmal mit jedem Song fröhlicher, man merkt, dass er sich sehr wohl fühlt. Brett spielt heute fast jeden einzelnen seiner neuen Songs, und zwar bis zum achten von elf Songs ganz genau in der Reihenfolge, wie sie auf dem Album angeordnet sind. Das mag vielleicht den Nachteil haben, dass das Konzert etwas vorhersehbar ist; es hat aber den riesigen Vorteil, dass man live die Wirkung des Albums erfahren kann, in das Brett Anderson sein ganzes letztes Jahr investiert hat. Er schafft es, die Songs von der Grundstimmung noch einmal ganz anders klingen zu lassen, als auf dem Album. Weg von der vielleicht zu kitschigen und leidenden Grundstimmung, hin zu kämpferischen, selbstbewussten und harten Ansagen. Wäre das Album mit diesen aggressiven Gitarren und diesen durchdringenden Drums so produziert worden, hätte es gewiss bessere Kritiken bekommen als die aber trotzdem zu Unrecht so mäßig beurteilte Verkaufsversion.

Durch diese Richtungsänderung bildet auch nicht mehr das auf Platte wunderbar träumerische Duo "Scorpio Rising"/ "The Infinite Kiss" den Höhepunkt, sondern das krachende "Dust and Rain" sowie das trotzige "Colour Of The Night". Tosender Applaus ertönt, als sich Brett Anderson nach "Song For My Father", dem letzten Song des neuen Albums, verabschiedetet. Doch jeder weiß, dass nun noch etwas kommt. Denn die neuen Sachen sind zwar schön und gut, aber all die Zuschauer in ihren Suede Shirts erwarten natürlich noch Songs aus der guten alten Zeit. Sie werden nicht enttäuscht: Zuerst kommt Brett alleine wieder und gibt nur mit seiner Akustikgitarre einige alte Songs von Suede zum Besten. Später, als die Band nochmals auf die Bühne kommt, gibt Brett richtig Gas. Er wirbelt umher, reicht seine Hände immer zu ins Publikum und macht Scherze. Er ist eben ein Narzisst, das merkt man an diesem Abend wieder ganz klar.

Mit einigen der größten Suede Hits wie "The Wild Ones", "Electricity", "Trash" und "Beautiful Ones", dessen Refrain Brett gar nicht mehr singen muss, sondern der einfach vom Publikum mitgeschrieen wird, bleiben kaum Wünsche offen. Der ein oder andere Song aus dem ersten Suede Album wäre sicherlich wünschenswert gewesen und hätte aus dem guten einen ausgezeichneten Abend machen können, aber auch so hat Brett Anderson gezeigt, dass er es noch kann und dass er noch längst nicht am Ende ist. (Felix Lammert-Siepmann, eldoradio*)

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