Hintenrum gesagt

"Die letzte Seite" - ein schamloses Geschreibsel, das jeden Monat ein Thema aus dem Musik-Umfeld aufgreift und kommentiert. Was hat die Fusionitis der großen Plattenfirmen für Auswirkungen? Welchen Standpunkt haben wir in der Kopierschutzdiskussion? Themen rund um die Branche und ihre Periferie - locker aufbereitet mal als Glosse, mal als berichtender Kommentar. Die "Hintertür" - die monatliche Kolumne der CampusRadios mit wechselnden Autoren.

Die Musik am rechten Fleck oder: ein Herz aus Indie

Dass Rock und insbesondere die ganze so-called Indie-Sparte mittlerweile mehr als nur Musik ist, habe ich schon ausreichend in meiner Hintertür vom Juni 2005 dargelegt. Jetzt geht die Diskussion aber erst so richtig los. Die VISIONS machte im Februar mit der Frage „Was ist Indie?“ auf und auch im Internet beschäftigt man sich, neben den üblichen Threads in Foren und diversen privaten Blogs, auf der an das Online-Lexikon Wikipedia angelehnten Seite www.indiepedia.de, was nun alles dazugehört und wichtig ist.

Wie bei populär-soziokulturell-modisch-whatever-Themen so üblich, hat jeder seinen Senf dazu abzugeben – und Indiepedia macht dies leicht. Jeder, der Zeit Muße hat und genug Indie-Blut in sich verspürt, kann hier einen eigenen Eintrag anlegen und der Welt beweisen, wie viel er denn nun wirklich über diese Szene weiß, von der wiederum keiner weiß, was sie eigentlich ist. Dabei belustigt mich vor allem der Stil, in dem die verschiedenen Einträge verfasst sind. Es verbinden sich Populärkultur und wissenschaftlicher Stil zu einem derart herrlichen Pseudo-Info-Mischmasch, dass man nur schmunzeln kann.

An dieser Stelle fordere ich Publizisten, Medienwissenschaftler oder wer immer sich für so was zuständig fühlt, auf, sich mit diesem Phänomen auseinanderzusetzen und eine Dissertation oder zumindest eine Magisterarbeit zu schreiben. Titelvorschlag meinerseits: „Indie – Eine Bewegung im Nirgendwo des world wide web und der Clubszene“. Denn dort passiert es, dort findet es statt: das Anbiedern um den besten Scheitel und den neuesten Hype aus UK - äh sorry, Skandinavien ist ja das neue UK.

Indiepedia versorgt mit Infos für den modernen Indie-Szenezugehörigen von gestern, heute, morgen und übermorgen, natürlich im besten Mix der 70er, 80er...aber lassen wir das. Denn Indiepedia hat Inhalte, die sonst keiner hat - ein Zitat, das unter Fashion und Stil zu finden ist – es betrifft Trainingsjacken. Kurz wird die Geschichte der Trainingsjacke beschrieben und für den unwissenden (shame on you) auch gleich noch eine Styleberatung oben drauf gepackt: „Zunächst nur von Tocotronic- und Indie-Fans getragen, erreichte diese Mode schnell den Mainstream. Dort erfuhr die Trainingsjacke durch die kurzlebige Variation der Städtenamenjacken einen zusätzlichen Popularitätsschub.“ Dazu sage ich nur: Who the fuck cares? Diese Info reiht sich direkt neben dem Buch ein, das ich vor einiger Zeit in der Bochumer Uni auftat: „Die Geschichte des Fußbodenbelages in Deutschland und seinen Grenzgebieten“ aus dem Jahr 1929 ein.

Die Indie-Community trägt ihre Regeln offen zur Schau, zeigt, dass sie, obwohl anders, doch nach den Regeln des großen Spiels funktioniert, ihre Codes und Zeichen hat, an denen man sofort erkennt, wer dazu gehört und wer nicht. Diese Regeln, Codes und Zeichen werden aufgedröselt. Dem ausdauernden Benutzer von Indiepedia wird ein Handbuch an die Seite gereicht, das vor Party-Wissen nur so strotzt, aber mehr ist es auch nicht: Smalltalk-Themen à la Indie eben. Wenn man sich dann mal im angesagten Club trifft, der natürlich etwas heruntergekommen sein muss, kann man sich über das neue Signing eines coolen Mini-Labels austauschen und das im Handumdrehen im Gespräch frisch Gelernte online nachlesen oder sofort auf Indiepedia eintragen, um damit zu glänzen. Fast wie Sport, denn nur der mit der schnelleren Internetverbindung und dem 10-Finger-Blindschreibsystem kann der Erste sein. Vielleicht wird ja demnächst auch der goldene Indie-Button für den fleißigsten Schreiber verliehen, oder man kann ähnlich wie in großen Kaufhausketten Treueherzen sammeln und sie gegen Konzerttickets einlösen. Indie goes Mainstream, aber natürlich ganz antimäßig. Versteht sich ja von selbst, oder?

Aber was ist Indie denn nun? Ich weiß es nicht und wer es noch nicht gemerkt hat - es ist mir auch total egal.

„Glamorous indie rock ´n´ roll is what I want

It´s in my soul, it´s what I need

Indie rock ´n´ roll, it´s time

It´s indie rock ´n´ roll for me

It´s indie rock ´n´ roll for me

It´s all I need

It´s indie rock ´n´ roll for me”

(The Killers – Glamorous Indie Rock´n´Roll)

Sandra Zapke, CT das radio

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