Konzertschau

Fick Dich ins Knie, Melancholie
21. Februar 2011

 

Heute Morgen schien die Sonne in mein Zimmer und es roch draußen schon ein bisschen nach Frühling. Das Thermometer hat trotzdem gezeigt, dass noch Winter ist. Ich liebe solche Tage zwischen den Jahreszeiten, sie sind kühl und wohlig gleichzeitig. Vielleicht liebe ich deshalb auch die Musik von Gisbert zu Knyphausen so sehr, immer zwischen den Stühlen, in keiner Schublade daheim, immer ehrlich geradeaus, nackt bis auf die Knochen. Manchmal sind seine Texte so offenherzig, dass man sich nicht traut ihn dabei anzugucken. Zu intim. Und dann in dieser wahnsinnigen Akustik, in der man jeden Seufzer hört, jedes tiefe Atmen.
Zu Hilfe kam da die sensationelle Kunst-Tageslichtprojektor-Show im Hintergrund der Bühne. Eine junge Frau, deren Namen ich mir bedauerlicherweise nicht merken konnte und die ich auch nicht gegoogelt bekommen habe, hat während die Band spielte mit zwei Tageslichtprojektoren, auf denen Wasserbecken standen faszinierende Bilder gemalt. In die Becken ließ sie Farben laufen, pustete sie mit Pipetten auseinander, ließ sie durch noch mehr Wasser verschwimmen, streute Körner, Sand, Erde, Pülverchen ein, legte durchsichtige Muster darüber und zauberte unglaubliche Reflektionen an die Wand.
 
Es ist okay, Gisbert zu Knyphausen hauptsächlich zuzuhören, wie er von seiner Band gerahmt wird, sich aber nie in den Vordergrund drängt. Er wirkt niemals wie der große Künstler, den seine Musik verspricht, niemals wird er zum Entertainer, der um Applaus bittet, er verspottet die lobenden Worte, die das Konzerthaus auf dem Infoflyer über ihn geschrieben hatte. Er ist der Grübler, der die Melancholie so in einen Song verpackt, dass man sich als Hörer nicht mehr so allein fühlen muss. Gutes Gefühl, zu wissen dass wenigstens noch einer nicht weiß, wohin er mit seinem Leben soll.
Freitagabend wurde „Neues Jahr“ zu einem mehrminütigen Epos hochgejammt, das einen auf seinem Höhepunkt in die Sessel drückte, die volle Wucht der Konzerthaus-Akustik. Gänsehaut. Nur eine von vielen an diesem Abend. In der Frage um die Einordnung von Gisbert zu Knyphausens Musik, titelte ein Reporter „Kein Liedermacher. Ein Gigant.“ (1) Wer sonst könnte eine liebevolle Ode an die Kräne im Hamburger Hafen singen? Nach gut zwei Stunden Spielzeit und zwei Zugaben gab es Standing Ovations, wie sich das gehört, für Giganten.
(Kristina Budde, eldoradio*)
 
 
 
(1) Jan Wigger in der Rezension zum letzten Album „Hurra Hurra. So nicht.“ http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,691484,00.html

 

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Kommentare

rystal schrieb am 11. Juni 2011 - 2:54

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