Konzertschau

Emiliana Torrini - Dortmund, Konzerthaus
29. Januar 2010

Poppen zu Sepultura

Es gibt definitiv Künstler, die man zu Recht auf ewig mit einem bestimmten Song verbindet, es gibt aber auch solche, die ein großartiges Repertoire vorweisen können, deren Songs aber von Werbe- und Fernsehindustrie so instrumentalisiert werden, dass das Ergebnis unter dem Strich das Gleiche ist. Fiat-Werbung und besonders Germanys Next Topmodel sind gerade dafür verantwortlich, dass mit der zauberhaften Isländerin Emilana Torrini und ihrem internationalen Hit „Jungle Drum“ genau das passiert.

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Emiliana Torrini, 29.01.2010, Konzerthaus Dortmund - Ganze Bildergalerie ansehen

Wer sich jedoch ins Konzerthaus Dortmund begeben hat und das Glück hatte bereits eine Karte zu besitzen wurde nicht enttäuscht, wenn er der Vielseitigkeit, die diese Künstlerin besitzt, bewusst war. Im Rahmen der PopAbo-Reihe war Emiliana Torrini ein weiterer hochkarätiger Meilenstein und stellte deutlich unter Beweis, dass sie, samt ihrem Ensemble, auf dieser Bühne gut aufgehoben war, zudem die Akustik im Saal ihr übriges tat um dem geneigten Zuhörer und Betrachter den Abend unvergesslich werden zu lassen. Im Gegensatz zu vielen anderen Konzerten, bei denen man sich die Vorband `mal eben schenkt, weil man hat ja eh wenig Zeit`, waren mit ganz wenigen Ausnahmen sämtlich Plätze um kurz nach 20 Uhr besetzt, so das auch niemand den Support Act verpassen konnte/sollte. Lay Low, oder mit bürgerlichen Namen, Lovísa Elísabet Sigrúnardóttir, kommt ebenfalls aus Island und eröffnete mit ihrem überzeugenden Blues-Folk-Alternative Country-Stil (Americana), begleitet von Emiliana Torrinis Band, die Show in knappen 30 Minuten. Ihr Name bedeutet übersetzt so viel wie `sich bedeckt halten` und ähnlich zurückhaltend und schüchtern präsentierte sie sich auch, obwohl sie doch schon seit 2006 im Musikgeschäft ist und nun im Vorprogramm von Torrini auch größere Bühnen bespielt. Die zaghafte Songansage zu „Please don´t hate me“ kann dann schon mal so klingen wie „bitte schmeißt mich noch nicht von der Bühne“. Das sichtlich beeindruckte und angetane Publikum hätte bestimmt gerne noch weitere Songs gehört.

20 Minuten später betritt Emiliana Torrini geschlossen mit ihrer Band, ganz unspektakulär und abgebrüht die Bühne und noch wird etwas verhalten applaudiert. Es dauert aber keine 5 Minuten bis das sprichwörtliche Eis gebrochen und das Publikum verzaubert ist, von einer umwerfend natürlichen Frau, die in gebrochenen Deutsch beschreibt worin es in ihren Songs geht und das sie doch noch ein kleines bisschen an ihrer "Sprechfertigkeit" arbeiten müsse. Sichtlich bemüht konnte sie sich aber klar und deutlich ausdrücken, was bestimmt auch den früheren Deutschlandaufenthalten bei ihrem Onkel geschuldet ist. In ihrer 90 minütigen Darbietung bot sie aber in den Punkten Songauswahl und Instrumentierung keinerlei Anlass zur Kritik. Lediglich „Jungle Drum“, dass dem ein oder anderen inzwischen etwas aufdringlich, weil omnipräsent, erscheinen könnte, hätte sie aus bloßer Konsequenz ruhig aus dem Repertoire streichen können. Hat sie natürlich nicht, warum auch? Ist es doch bis dato ihr mit Abstand größter Erfolg und wahrscheinlich einer der Gründe dafür, dass das Konzerthaus an diesem Abend restlos ausverkauft war. Entstanden aus einer albernen Laune und wiederholt durch Germanys Next Topmodel in das Gedächtnis der breiten Masse geholt, obwohl schon 2008 auf dem Album „Me And Armni“ veröffentlicht, hat sich dieses Lied 2009 zu einem der Sommerhits des Jahres gemausert. Wirklich begeistert schien aber selbst die Interpretin nicht: „You are lucky because this is probably one of the last shows in which we perform this song. Someday I want to get old in grace”.

Wirklich verübeln kann man es ihr nicht, hat doch ihr restliches musikalisches Schaffen auch eher wenig mit diesem Song gemein. „Sonny Road“ beispielsweise ist ein Song der überhaupt nicht fröhlich ist und davon handelt nach einem exzessiven Lebensabschnitt zu seinem Liebsten nach Hause zu kommen und darauf zu hoffen, dass dieser einen wieder lieben könnte. Wer das Musikvideo kennt, weiß welche Stimmung zeitgleich im Konzerthaus zu Dortmund aufgekommen ist. Entsprechend bedacht und nüchtern war auch Emilianas Einführung, in der dieses Coming-Home-Gefühl ausgedrückt werden sollte, dass sie dann auch souverän auf die Bühne transferierte. Dabei standen Themen wie das Leben in all seiner Vielfalt und auch die schönen Seiten der Liebe deutlich im Vordergrund und das Konzert war alles andere als traurig oder melancholisch. Nehmen wir doch nur eine ihrer persönlichen Definitionen von Romantik. Romantik ist nämlich für sie, „in einer regnerischen Nacht, sämtliche Türen und Fenster aufzureißen, damit die frische Luft reinkommen kann, eine Flasche Wein zu öffnen und dann bei lauter Musik, Sepultura zum Bespiel, Liebe zu machen“. Kann man so eine Frau nicht mögen? Wer nicht gelacht oder vor Begeisterung in die Hände geklatscht hat, hat zumindest aus lauter Sympathie über diese liebenswürdige Definition schmunzeln müssen. Natürlich gab sie auch die anderen Hits, u.a. „Fisherman´s Woman“ und „Me And Armini“, bei dem die Isländerin bis heute keine klare Erinnerung daran hat, wie dieser eigentlich entstanden ist, zum Besten. Da war bestimmt der Whiskey im Proberaum schuld, fügt sie verschmitzt lächelnd hinzu.

Ohne große Bühnenshow, die hier eh deplatziert wirken würden, sondern mit Fokus auf die vielfältigen Arrangements und die Instrumentierung, eine mehr als nur gelungene Darbietung, bei der auch zwischendurch das Feuer und die Leidenschaft, die Emiliana Torrini anzutreiben scheint, merklich zum Vorschein gekommen sind. Nach lautem Applaus, Standing-Ovation und zwei kurzen Zugaben ist das Konzert dann nach 90 Minuten endgültig vorbei. „Danke … es ist doch auch schön länger zu spielen, oder?“.

(Text: Ben Grosse-Siestrup, CampusFM | Fotocredits: Sarah Heuser)

Mitwirkende:

  • Emiliana Torrini (Gesang)
  • Petur Halgrimsson (Gitarre)
  • Siggi Baldursson (Schlagzeug)
  • Simon Byrt (Keyboard)
  • Cameron Miller (Gitarre & Bass)
  • Lovisa Sigrunardottir (Bass)
  • Support Act: Lay Low

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