Konzertschau

Ein Liebeslied an die Traurigkeit
16. Mai 2010

The National in Berlin, das musste Superlative werden. Schon im Vorfeld ruckzuck ausverkauft, dann ein Zusatzkonzert, einen Tag vor der ursprünglich angesetzten Show. Das auch: ausverkauft. Und vor der Halle: Schwarzhändler en masse.
Huxleys Neue Welt war wie das neue Album „High Violet“: groß, episch, weit und hell. Ich habe lange gegrübelt, warum ich „High Violet“ so anders finde als alle anderen the National Platten; im Huxleys hab ich’s dann begriffen: Matt Berninger singt – für seine Verhältnisse – viel höher als früher! Und er schreit nicht. Beim Song „Abel“ (von „Alligator“) wurde mir das bewusst, weil ich kurz erschrak, als ich dachte er schreit mich an. Überhaupt, ich war ja auch alleine da. Zumindest hab ich die anderen Menschen kaum wahrgenommen, ich war so eingesogen. Herrlich! Dass ich doch nicht alleine war, hab ich gemerkt, wenn das Publikum laut wurde; wie beim eben erwähnten „Abel“ oder bei „Mistaken for Strangers“, aber auch – und das war sehr schön und dem Vorab-Stream von „High Violet“ auf einer amerikanischen Website geschuldet – bei den neuen Songs. Highlight an Highlight, ich dachte ich muss explodieren. Zur Zugabe stürzte sich Matt Berninger dann ins Publikum, lief einmal quer durch die Masse und kam auf einer der Bars am anderen Ende des Saals wieder zum Vorschein. Leider stand ich genau auf der anderen Seite, meine Matt-Berninger-anfassen-Mission gescheitert. Neue Chance morgen!
 
Tag zwei von The National in Berlin. Diesmal alles eine Stunde früher (war ja Sonntag), aber wieder mit dem gleichen Support. Buke and Gass, Kumpelin und Kumpel von the National, aus Brooklyn. Beide hießen Aron, waren aber eine Frau und ein Mann, ein bluesiges Duo, das Folk-Rock mit Twang-Einschlägen macht. War gut.
 
Das Astra war wie the National: düster, warm, schauderig, beklemmend. Es ist eine dieser völlig bescheuerten Hallen mit Säulen, so dass man auf 40% der Plätze die Bühne nicht sieht. Aber irgendwie passte das zu diesem Abend; Bahn verpasst, spät dran, vorbei an Schwarzhändlern (noch mehr als gestern!), schnell rein, irgendwie nach vorne kommen, um wenigstens ein bisschen zu sehen. Diesmal wollte ich schlau sein, habe mich extra auf die andere Clubseite gestellt, falls Matt Berninger von der Bühne steigen sollte. Tat er auch, aber, genau, ich stand wieder falsch. Mist! Ich kann es nicht objektiv beurteilen, aber gefühlt wurden an diesem Abend mehr ältere Songs gespielt. Was den lustigen Effekt hatte, dass lautstark nach den neuen Songs gerufen wurde. Wirklich merkwürdig, normalerweise ist es ja genau andersrum. Ganz ehrlich, alt und neu passt bei the National aber auch einfach so gut zusammen, das ist wirklich schön. Gänsehaut und eiskalte Schauer der Verzückung lieferten sich mit warmen Wonnemomenten einen heißen battle auf meiner Haut. The National MUSS man live sehen. Vom heißen Indie-Tip zur Meldung auf der bild.de-Startseite und das ganz ohne Qualitäts-Verluste, besser geht’s nicht.

 
(Kristina Budde)

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